Tango in the city: Cortina oder Tanda?

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Ist es Tango, der hier in die Beine geht oder ist hier die Cortina mit den Tandas verwechselt worden?

Aus aktuellem Anlaß, der Diskussion um die etwas zu freizügige Interpretation des Elektrotango und die Tanzbarkeit der Musik einer DJane im Terminal 90 ist die alte Grundsatzdiskussion der Tangomusik hier auf der Seite gelandet. Als etwas ironisch war dann der Tip gemeint, es doch mal mit Foxtrott zu probieren und weil wir doch die Füße mal in beiden Lagern hatten, möchte ich hier mal ein bißchen was dazu schreiben. 
Die Sache mit dem Foxtrott war gar nicht so verkehrt. Der Foxtrott/Slow Fox oder Slow Waltz gehört zu den Standard-Tänzen oder zum Ballroom und tatsächlich ist der Ballroom ein anderes Pflaster. Theoretisch hat der Standard zwar die Chance, Musik zu vertanzen, aber durch den Turniersport und die Trainer hierzulande wird die Chance der freien Interpretation durch "Figuren und Figurenkataloge" auf Null reduziert. Hierüber könnte ich alleine ganze Seiten füllen, aber das gehört nicht zur Tangowelt und damit glauben/akzeptieren Sie das bitte einfach. Beim Ballroom gibt es ebenfalls den Tango, aber das ist nur noch ein Zerrbild des Tango Argentino und die Musik dazu - ja, das ist so ein Aspekt für sich. Ich habe den Marschtango von Hugo Strasser gehaßt. Das nannte sich Tango, war aber so tot wie nur irgendwas. Ich versuche nicht mal mir vorzustellen, ob dazu Tango Argentino tanzen könnte. Immerhin, es nennt sich Tangomusik und paßt auch zu den Figuren, die man dort tanzt und damit sind wir beim Thema: dem Tanzen zur Musik.
Der Tango Argentino ist deshalb etwas besonderes, weil er kein fest vorgegebenes Figurenschema besitzt. Er ist nahezu reine Improvisation und die paar Bewegungsketten, die besonders gut laufen und deshalb von vielen Tänzer/inne/n getanzt werden, sind eher die Ausnahme - oder sollten es sein. Schon deshalb, weil Tanzen eine Kunst ist und eben nicht jeder Tänzer ein Künstler, braucht es aber anscheinend ein Schema und leider brauchen viele Menschen eine Leine, an der sie laufen können und deshalb wird hier auch der Fehler gemacht, Figuren zu lehren.
Das hat noch nichts mit der Musik-Frage zu tun? Abwarten. 
Tango ist von den Schritten sehr einfach zu tanzen. Links, Rechts, Links, Rechts - wie Laufen halt. Man kann Pausen machen, von Vorn nach Hinten, Links nach Rechts - was die Beine eben hergeben. Deshalb läßt sich der Tango auch zu viel anderer Musik tanzen - und jetzt sind wir bei der Disco-Musik. AUCH DAZU läßt sich das Repertoire des Tangos verwenden und vertanzen und Stilbruch hin oder her - es gibt ein paar Stücke, zu denen die Bewegungsmuster besser zu vertanzen sind, als zu vielen traditionellen Tango Argentinos. 
Ist das aber Tango? Ganz sicher nicht, weshalb so etwas oft auch "Non-Tango" heißt! Gehört die Musik dann auf eine Milonga? Gute Frage, die nur die Tänzer beantworten können. 
Wo sind dann die Grenzen? Ich finde die Grenzen sind dann überschritten, in dem Moment, in dem der Tanz sein Charakteristikum verliert. Wenn kein Tango mehr zu tanzen ist, hat die Musik nur noch in der Cortina ihren Platz. 
Was ist das Charakteristikum des Tango Argentino? Oops - das wird hart. So wie es den "typischen" Tango Argentino nicht gibt, weil der ganze Tango ein Schmelztiegel ist, so ist es hart, Grundregeln und Merkmale zu bestimmen. 
Merkwürdigerweise kommt hier Hilfe vom Ballroom- oder Standard-Tango. Im Tango gibt es kein Heben und Senken. Der Fuß wird gesetzt und nicht durchschritten und damit entfällt ein Heben oder Senken des Körpers. Wenn man auf der Pist Paare sieht, die das trotzdem tun, hat das eben nix mehr mit Tango Argentino zu tun. Das heißt jetzt nicht, daß frau/mann nicht auf den Ballen tanzen kann. Es wird eben nur nicht "durch den Fuß getanzt". 
Weiterhin gehören Figuren in denen sich die Tänzer trennen nicht zum klassischen Repertoire. So etwas ist gut für den Stage-Tango, aber der hat ja auf der Milonga nicht wirklich was zu suchen. Zu den betreffenden codigos der Milonga selbst findet man genüg Material, auch hier auf der Seite und ich spare mir die wiederholte Interpretation. 
Die Musik der Milonga ist vielschichtig. Denken wir nur an die Candombe, den Vals, die Milonga und an die klassischen Tangos der 20er bis 40er - ja, überhaupt an die Musik der verschiedenen Dekaden. Selbst die Tangokomponisten haben für so typische Musikstile gesorgt, daß man von unterschiedlichen Tanzstilen sprechen muß. Wer kein "Tango-Nazi" (vielen Dank Micha, für den Begriff) ist, übt sich in Toleranz und wenn Piazzolla seine Musik ursprünglich nicht mehr als Tanzmusik konzipierte, so gibt es doch heute keine größere Herausforderung, als genau diese Musik zu vertanzen. 
Der Elektrotango brachte die Perkussion in den Tango und die Musik ist eine echte Bereicherung. Was also ist die Grenze der Musik? 
Ich finde spätestens, in dem Moment, in dem die Paare nicht mehr versuchen ihren Tangostil anzupassen, sondern anfangen zur Musik zu das tanzen, was man ihnen in der Tanzschule als Disco-Fox oder Lateinamerikanische Tänze oder Salsa beigebracht hat, ändert sich der Tanzfluß auf der Fläche, weil die "Figuren" auf einmal stationär werden, oder sich quer zur Tanzrichtung bewegen. Die circulacion ist gestört, die Milonga kollabiert und die Tänzer werden gestört. Dann hat man mit dem Tango gebrochen und die Veranstaltung sollte nicht mehr als Tango Argentino oder Milonga bezeichnet werden.
Meine persönliche Einstellung zum Elektrotango? Ich mag die Musik und tanze sehr gerne dazu … und ja, ich fände es schade, wenn im Terminal keine Veranstaltung mehr wäre. 

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